Vor fünfzehn Monaten hatte Jonas Vogel einen Unfall, bei dem er sein Augenlicht verlor. Jetzt ist er pensioniert, aber das sagt nichts, denn wer einmal Polizist gewesen ist, ist immer Polizist. Das versucht Jonas Vogel seinem Sohn Max beizubringen. Max, Nachfolger seines Vaters im Kommissariat, stellt sich stur, doch kann er nicht verhindern, dass sein exzentrischer Vater sich freiwillig in die Gewalt eines Geiselnehmers begibt. Jonas weiß, dass die Frau, die der Verbrecher festhält, hatte zusehen müssen, wie ihre Eltern in der gemeinsamen Wohnung ermordet wurden. Die Wiederholung dieser existentiell bedrohenden Situation muss zu ihrem Zusammenbruch führen. Jonas befreit die Frau und bleibt bei dem Bewaffneten, der anscheinend nicht so genau weiß, was er will. Zwischen Jonas und dem Geiselnehmer entspinnt sich ein Dialog. Ein Blinder erscheint weniger bedrohlich, es fällt leichter, ihm Dinge anzuvertrauen, die man noch nie jemandem erzählt hat. Einer, der nicht sehen kann, sieht tiefer. Friedrich Ani ist zurecht ein bewunderter Star der deutschsprachigen Krimiszene, - sein neues Opus ist zwar eher ein Psychothriller als ein Krimi, doch Ani schreibt so spannungsgeladen, dass man auf das vertraute Schema Opfer-Täter- Aufklärung ohnehin leicht verzichten kann. Der wahre Horror entspinnt sich erst in den Gesprächen zwischen Vogel und den Geiselnehmer. Eine ganz normale Jugend auf dem Dorf mit schaurig normalen Eltern, die schlichte Unmöglichkeit eines Auswegs und die brutale Wendung sind meisterlich miteinander verknüpft. Was mit Vogels Frau passiert, die allein und verlassen durch die Nacht irrt, weil ihr Mann wieder einmal jemand anderen retten muss und sie dabei wie immer vergisst, ist eine parallele Geschichte mit nicht weniger Brisanz.
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