Juni 2017 Archives

Permanente Paranoia

Sch├Ân bl├Âd wenn man, nichts B├Âses ahnend eine Waldpartie mit dem Rad unternimmt und dabei zuf├Ąllig Zeuge eines Doppelmordes wird. Das passiert einem leicht ├╝bergewichtigen, ansonsten total langweiligen Menschen der, f├╝r ihn selbst unerkl├Ąrlich, nicht Rei├čaus nimmt, sondern zu protestieren versucht. Was fatal ist, denn der M├Ârder ist ein hartgesottener Mafiaboss, der seine untreue Geliebte und deren Gespielen ermordet hat. Logisch, dass der schwer vergr├Ątzte M├Ârder den einzigen Zeugen aus dem Weg r├Ąumen will. Der Ich-Erz├Ąhler wird von der Polizei dazu ├╝berredet, gegen den Mafioso auszusagen. Man verspricht ihm daf├╝r ein total neues Leben mit neuer Identit├Ąt und neuem Wohnort. Der Mann l├Ąsst sich darauf ein und damit beginnt eine Reise in die permanente Paranoia. Er traut allm├Ąhlich seinen Besch├╝tzern nicht mehr und ist st├Ąndig auf der Flucht. Ist der Tourist, der so intensiv schaut, ein Auftragskiller?  Manchmal muss man eben pr├Ąventiv handeln, nach dem Motto: erst umbringen, dann fragen. Das erz├Ąhlt Claus Probst in Die Jagd (Fischer) flott, leichtf├╝├čig und dramatisch. Die Frage, wie sich Bedrohung auswirkt und die Pers├Ânlichkeit ver├Ąndert ist eine ernste; die kompromisslos letalen Kampfszenen hingegen haben eher Unterhaltungswert.  

Grenzg├Ąnge

Das Klischee des verr├╝ckten Psychiaters ist nicht neu; der geringe Unterschied zwischen Patient und Arzt in Hinsicht auf psychische Stabilit├Ąt wird in Literatur und Film immer wieder ernst und unernst durchdekliniert. Sabine Trinkaus hat sich f├╝r ersteres entschieden. Die Psychiaterin Nadja Sch├Ânberg bekommt einen komplizierten Fall zugewiesen. Konstanze Friedrichs ist eine prominente TV-Gr├Â├če und ziemlich von der Rolle. F├╝r die Klinik bedeutet ein Promi viel Renommee, auch wenn das Management darauf bedacht ist, den Aufenthalt der Dame in der Psychiatrie unter Verschluss zu halten. Konstanze  f├╝hlt sich von ihrem sadistischen Ex verfolgt. Nadja Sch├Ânberg soll die am Rande von Nervenzusammenbr├╝chen Wandelnde wieder stabilisieren.  Das Problem ist nur, was ist wahr, was ist falsch was die Patientin da erz├Ąhlt? Wenn der Ex vor den Augen Konstanzes ihren kleinen Hund auf bestialische Weise umgebracht hat, warum sind dann keine Spuren vom Kadaver zu finden?  Der Ex wiederum h├Ąlt Konstanze f├╝r eine drogens├╝chtige, karrieregeile, eiskalte Irre. Die Widerspr├╝che lassen sich lange nicht aufl├Âsen und daraus bezieht Seelenfeindin (Emons) nat├╝rlich die Spannung. Das Thema Wahn und Wirklichkeit ist in j├╝ngster Zeit von Federico Axat in Mysterium (Atrium) aufgegriffen worden und in einen feinen, ganz au├čergew├Âhnlichen Thriller gepackt worden.

Teddy, bei dem ein Gehirntumor diagnostiziert wurde, glaubt, dass seine Sinnesverwirrungen von seinem l├Ądierten Denkorgan erzeugt werden. Die Psychiaterin Laura bem├╝ht sich, Licht in dieses schwarze Tohuwabohu zu bringen, doch es gibt unvorhersehbare Komplikationen. Der argentinische Autor zelebriert hier die Br├╝chigkeit der Wahrnehmung auf raffinierte Weise. Unbedingt lesenswert.

Teure Blechtr├╝mmer

Auf echte Krimifans wirkt Martin Walker wie ein Tourismusfolder. Er beschw├Ârt mit staunenswerter Ausdauer die Sch├Ânheiten des Perigord; man wird ├╝ber K├Ąsesorten Wein und sonstige kulinarische H├Âhepunkte informiert. Manchmal gibt es erotische Abenteuer und ein paar Tote, die aber in der Idylle nicht weiter st├Âren. Im seinem neunten Roman dieser Art geht es um eine Oldtimer-Rallye die dazu dienen soll, in die etwas allzu ruhigen, pittoresken D├Ârfer etwas mehr Besucher zu bringen und mehr Geld in die Gemeindekassen zu sp├╝len. Wie immer ist Bruno, Chef de Police, von Hund, Reitpferden und sch├Ânen Frauen umgeben. Walker bemerkt im Nachwort, dass diesem Krimi ein historisches Geschehen zugrunde liegt. Im Zweiten Weltkrieg wurden zwei prominente Rennfahrer als K├Ąmpfer der Resistance enttarnt und von den Nazis ermordet.  Einer von den Widerstandsk├Ąmpfern fuhr offenbar einen Bugatti Type 57 SC Atlantic, ein legend├Ąres Auto, von dem nur vier Exemplare existieren. Dieses Fahrzeug verschwand damals wie man so sagt, spurlos. Im Get├╝mmel der Oldtimer-Fahrer verbirgt sich offenbar ein Schatzsucher. Falls noch irgendwo in einer Scheune ein paar Tr├╝mmer des Autos lagern, sind Br├Âsel vorhersehbar. Aber sonst ist in Grand Prix (Diogenes) alles easy wie Gott in Frankreich.

Alptraum Ferienlager

Ein Segelcamp in den Sch├Ąren: manche Kinder finden das gro├čartig, f├╝r andere ist es ein Horror. Zum Beispiel f├╝r den kleinen Benjamin. Sein Vater, der sich von der Erstfamilie getrennt hat und mit neuer Frau und neuem Baby besch├Ąftigt ist, bildet sich ein, dass Benjamin von der Ex viel zu sehr verw├Âhnt wird und  dass ein Segelcamp genau das Richtige f├╝r einen richtigen Buben ist. Aber Benjamin wird ├╝bel gemobbt; Segeln ist ihm egal und der Fremde, der ihm zu Hilfe kommt, als er von zwei ├Ąlteren Sadisten gequ├Ąlt wird ist f├╝r ihn ein Lichtblick. Als der Bub verschwindet, f├Ąllt der Verdacht auf einen amtsbekannten P├Ądophilen, der neben dem Camp geankert hat. Benjamins Vater ist indessen schwer besch├Ąftigt, mit seinem ehemaligen Gesch├Ąftspartner einen Streit vor Gericht auszutragen. Wie das alles zusammenh├Ąngt und wie irref├╝hrend es sein kann, vom Offensichtlichen auszugehen, erz├Ąhlt Viveca Sten in ihrem neuesten Schwedenkrimi M├Ârderisches Ufer (Kiepenheuer & Witsch). Solides Handwerk, bekanntes Personal, guter Plot, - kann f├╝r den Urlaub empfohlen werden.

 

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