Botanische Verwirrungen

Holprig wie der Titel Dem Kroisleitner sein Vater kommt der Krimi von  Martin Schult (Ullstein) daher. Sehr positiv ist jedenfalls, dass es sich nicht um einen putzigen Heimatkrimi handelt sondern um eine ziemlich spröde Angelegenheit, wobei das Personenverzeichnis gute Dienste leistet. Der alte Kroisleitner ist 104 Jahre alt geworden und dann eines merkwürdigen Todes gestorben. Mit blauer Zunge und aufgeschürften Knien liegt die Leiche im Gelände. Es prallen alsbald  Leute aus der Großstadt und aus dem steirischen Dorf aufeinander. Das funktioniert kommunikationstechnisch ganz schlecht zumal sich da auch noch ein urlaubender Kommissar aus Berlin einmischt. Ausserdem kommt eine erfolgreiche Sängerin, die das Glamour-Leben satt bekam und ihren eigenen Tod inszeniert hat, in ihr heimatliches Dorf zurück und sorgt für zusätzliche Verwicklungen. Die Dame erinnert an Amy Winehouse, ein witziger Einfall des Autors, der hier aber irgendwie überkandidelt rüberkommt. Schult gelingt ansonsten es ganz gut, dem Dorfleben Atmosphäre einzuhauchen aber in Sachen Flora hat Schult unentschuldbar geschludert. Das Bärlauch-Pesto, das eine gewisse kriminelle Rolle spielt  kann unmöglich Blätter der Herbstzeitlose enthalten. Weil: diese Pflanzen wachsen nicht auf einem gemeinsamen Standort. Bärlauch ist im Wald zuhause, die Herbstzeitlose auf der Wiese. Und die Jahreszeit ist auch daneben. Bärlauch pflückt man im Frühjahr im Wald, er braucht Licht und sobald die Bäume austreiben ziehen sich die Blätter ein, die Herbstzeitlose hingegen- siehe Namen... Was dem Autor wohl vorschwebte, ist eine Verwechslung der Bärlauchblätter mit Maiglöckchen. Das passiert immer wieder mal und führt eher nicht zu harmloser Übelkeit sondern im krassesten Fall zum Tod. Die Botanik ist ein Hund...

Ein schneller Tod

Hat er sie umgebracht oder nicht? Die junge Frau ist offensichtlich erstickt. Der fette Schauspieler, ein ausgemachtes sexistisches Ekel, ist der klassische Verdächtige. Die Leiche in seinem Hotelzimmer kann er sich nicht erklären. Angeblich war die Dame noch quicklebendig als er kurz zur Toilette musste. Und der Bodyguard, ein mächtig großer Vertreter der amerikanischen Ureinwohner von Stamme der Cree trägt auch nichts Erhellendes zum Fall bei. Die Mafiosi, die in den Schauspieler wie in eine Aktie investiert haben, sind nicht daran interessiert dass, - welche Wahrheit auch immer-, zutage tritt und machen Spenser das Leben schwer. Spenser hat also wieder einmal ein frustrierendes Rätsel zu lösen. Was sich erst bessert, als der Bodyguard  zu Spenser überläuft.

Robert B. Parker, der 2010 starb, war ein Vielschreiber. Spenser und der Cree-Indianer (Pendragon) ist typisch für seinen Stil: schnelle, sehr witzige Dialoge, absolut respektlos und politisch unkorrekt, aufgelockert mit saftigen Nahkampfszenen wobei

wobei die Moves nicht immer ganz nach vollziehbar sind. Aber egal,

eine Überdosis Parker muss ja nicht sein, aber ab und zu macht er

Spaß. Und einen Vorteil hat das Buch noch, es ist schmal und leicht und passt daher gut ins Fluggepäck.

 

 

Permanente Paranoia

Schön blöd wenn man, nichts Böses ahnend eine Waldpartie mit dem Rad unternimmt und dabei zufällig Zeuge eines Doppelmordes wird. Das passiert einem leicht übergewichtigen, ansonsten total langweiligen Menschen der, für ihn selbst unerklärlich, nicht Reißaus nimmt, sondern zu protestieren versucht. Was fatal ist, denn der Mörder ist ein hartgesottener Mafiaboss, der seine untreue Geliebte und deren Gespielen ermordet hat. Logisch, dass der schwer vergrätzte Mörder den einzigen Zeugen aus dem Weg räumen will. Der Ich-Erzähler wird von der Polizei dazu überredet, gegen den Mafioso auszusagen. Man verspricht ihm dafür ein total neues Leben mit neuer Identität und neuem Wohnort. Der Mann lässt sich darauf ein und damit beginnt eine Reise in die permanente Paranoia. Er traut allmählich seinen Beschützern nicht mehr und ist ständig auf der Flucht. Ist der Tourist, der so intensiv schaut, ein Auftragskiller?  Manchmal muss man eben präventiv handeln, nach dem Motto: erst umbringen, dann fragen. Das erzählt Claus Probst in Die Jagd (Fischer) flott, leichtfüßig und dramatisch. Die Frage, wie sich Bedrohung auswirkt und die Persönlichkeit verändert ist eine ernste; die kompromisslos letalen Kampfszenen hingegen haben eher Unterhaltungswert.  

Grenzgänge

Das Klischee des verrückten Psychiaters ist nicht neu; der geringe Unterschied zwischen Patient und Arzt in Hinsicht auf psychische Stabilität wird in Literatur und Film immer wieder ernst und unernst durchdekliniert. Sabine Trinkaus hat sich für ersteres entschieden. Die Psychiaterin Nadja Schönberg bekommt einen komplizierten Fall zugewiesen. Konstanze Friedrichs ist eine prominente TV-Größe und ziemlich von der Rolle. Für die Klinik bedeutet ein Promi viel Renommee, auch wenn das Management darauf bedacht ist, den Aufenthalt der Dame in der Psychiatrie unter Verschluss zu halten. Konstanze  fühlt sich von ihrem sadistischen Ex verfolgt. Nadja Schönberg soll die am Rande von Nervenzusammenbrüchen Wandelnde wieder stabilisieren.  Das Problem ist nur, was ist wahr, was ist falsch was die Patientin da erzählt? Wenn der Ex vor den Augen Konstanzes ihren kleinen Hund auf bestialische Weise umgebracht hat, warum sind dann keine Spuren vom Kadaver zu finden?  Der Ex wiederum hält Konstanze für eine drogensüchtige, karrieregeile, eiskalte Irre. Die Widersprüche lassen sich lange nicht auflösen und daraus bezieht Seelenfeindin (Emons) natürlich die Spannung. Das Thema Wahn und Wirklichkeit ist in jüngster Zeit von Federico Axat in Mysterium (Atrium) aufgegriffen worden und in einen feinen, ganz außergewöhnlichen Thriller gepackt worden.

Teddy, bei dem ein Gehirntumor diagnostiziert wurde, glaubt, dass seine Sinnesverwirrungen von seinem lädierten Denkorgan erzeugt werden. Die Psychiaterin Laura bemüht sich, Licht in dieses schwarze Tohuwabohu zu bringen, doch es gibt unvorhersehbare Komplikationen. Der argentinische Autor zelebriert hier die Brüchigkeit der Wahrnehmung auf raffinierte Weise. Unbedingt lesenswert.

Teure Blechtrümmer

Auf echte Krimifans wirkt Martin Walker wie ein Tourismusfolder. Er beschwört mit staunenswerter Ausdauer die Schönheiten des Perigord; man wird über Käsesorten Wein und sonstige kulinarische Höhepunkte informiert. Manchmal gibt es erotische Abenteuer und ein paar Tote, die aber in der Idylle nicht weiter stören. Im seinem neunten Roman dieser Art geht es um eine Oldtimer-Rallye die dazu dienen soll, in die etwas allzu ruhigen, pittoresken Dörfer etwas mehr Besucher zu bringen und mehr Geld in die Gemeindekassen zu spülen. Wie immer ist Bruno, Chef de Police, von Hund, Reitpferden und schönen Frauen umgeben. Walker bemerkt im Nachwort, dass diesem Krimi ein historisches Geschehen zugrunde liegt. Im Zweiten Weltkrieg wurden zwei prominente Rennfahrer als Kämpfer der Resistance enttarnt und von den Nazis ermordet.  Einer von den Widerstandskämpfern fuhr offenbar einen Bugatti Type 57 SC Atlantic, ein legendäres Auto, von dem nur vier Exemplare existieren. Dieses Fahrzeug verschwand damals wie man so sagt, spurlos. Im Getümmel der Oldtimer-Fahrer verbirgt sich offenbar ein Schatzsucher. Falls noch irgendwo in einer Scheune ein paar Trümmer des Autos lagern, sind Brösel vorhersehbar. Aber sonst ist in Grand Prix (Diogenes) alles easy wie Gott in Frankreich.

Alptraum Ferienlager

Ein Segelcamp in den Schären: manche Kinder finden das großartig, für andere ist es ein Horror. Zum Beispiel für den kleinen Benjamin. Sein Vater, der sich von der Erstfamilie getrennt hat und mit neuer Frau und neuem Baby beschäftigt ist, bildet sich ein, dass Benjamin von der Ex viel zu sehr verwöhnt wird und  dass ein Segelcamp genau das Richtige für einen richtigen Buben ist. Aber Benjamin wird übel gemobbt; Segeln ist ihm egal und der Fremde, der ihm zu Hilfe kommt, als er von zwei älteren Sadisten gequält wird ist für ihn ein Lichtblick. Als der Bub verschwindet, fällt der Verdacht auf einen amtsbekannten Pädophilen, der neben dem Camp geankert hat. Benjamins Vater ist indessen schwer beschäftigt, mit seinem ehemaligen Geschäftspartner einen Streit vor Gericht auszutragen. Wie das alles zusammenhängt und wie irreführend es sein kann, vom Offensichtlichen auszugehen, erzählt Viveca Sten in ihrem neuesten Schwedenkrimi Mörderisches Ufer (Kiepenheuer & Witsch). Solides Handwerk, bekanntes Personal, guter Plot, - kann für den Urlaub empfohlen werden.

Treibgut

Dieser Krimi passt gut zu Ferien am Meer. Am Strand spazierengehend fragt man sich ja oft, woher diverse angespülte Gegenstände wohl herkommen. Treibgut ist per se interessant vor allem für den Strömungsexperten Cal McGill. Doch das kommt später. Zu Beginn des Romans geht es um zwei indische Mädchen, die von ihren Eltern in die Sexsklaverei verkauft wurden. Szenewechsel: Ein anscheinend Verrückter setzt in den hoch gesicherten Gärten von Politikern Pflanzen, die auf die bevorstehende Klimaveränderung hinweisen sollen. Zum Ärger der schottischen Polizei will keiner der Betroffenen den frechen Guerilla -Gärtner anzeigen. Doch bald sind die Ermittler auf die Spezialkenntnisse des Umweltaktivisten McGill angewiesen. Denn was da am Strand angespült wurde ist verstörend. Woher kommen die menschlichen Füße in den Sneakers? Das ist ja kein billiger Schockeffekt, den sich der Autor ausgedacht hat. Das Phänomen gibt es wirklich und es wurde viel darüber spekuliert.

Der schottische Journalist und Schriftsteller Marc Douglas-Home hat mit Ein Grab in den Wellen (rowohlt) einen gut recherchierten, überzeugenden Krimi vorgelegt, man darf auf  eine Fortsetzung mit einem ungewöhnlichen Helden gespannt sein.

 

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instant Design Wien
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