Leichtgewichtig

Im Allgemeinen steht Don Winslow für wortgewaltige, politisch schwergewichtige Epen über  die Nachtseiten der USA, wie etwa den Krieg gegen die Drogen (Zeit des Zorns, Tage der Toten). Er liefert aber leider qualitativ extrem unterschiedliche Texte ab.

In A long walk up the Water Side (shrkamp) versucht er sich als Komödiant.  Der Erzähler bekommt unvermutet Familienzuwachs. Er soll  Polly Paget bei sich verstecken. Die beschuldigt einen Fernsehmoderator, sie vergewaltigt zu haben. Nun sind der Kerl und seine Frau mit einer Familiensendung in der sie penetrant heile, saubere Welt spielen, extrem beliebt. Dass sie dabei auch ein auf die Pleite zusegelndes Bauprojekt  bewerben, droht finanzieller Ruin sollte Polly Paget mit ihrer Klage durchkommen. Das Problem: die Frau kommt extrem schlampenmäßig daher und spricht eine derbe Sprache, die sie nicht besonders glaubwürdig macht. Sie soll in ihrem Versteck lernen, sich wie eine Dame zu benehmen und schön zu sprechen. Das ist manchmal recht lustig. Doch Obacht: wenn sich Frauen solidarisieren, haben Männer nichts zu lachen. Leichtgewichtige Ferienlektüre- , auf jeden Fall intelligenter als Germany.

Hier sucht Frank Decker die verschwundene Frau eines alten Freundes.  Die Dame scheint aber allerlei zu verbergen und irgendwann nach vielen Seiten und einem nicht unspannenden Beginn gelangt Decker auf seiner suche nach Deutschland. Aber da wird die Geschichte richtig trivial. Lohnt sich nicht.

VerblödeteTouristen

Recht schlau wird man nicht aus dem Roman des Mexikaners  Juan Villoro. Erst  einmal scheint es sich um eine Krimi zu handeln: in einem abgeschotteten Ferienparadies irgendwo an einem exotischen südamerikanischen Strand wird einer der Entertainer mit einer Harpune ins Jenseits befördert. Der Taucher war im hoteleigenen Aquarium zugange, wo er die Bewegungen der Fische in Töne umwandelte. Bald wird klar, dass es sich bei Das dritte Leben (Hanser) um einen merkwürdigen Hybrid handelt. Das Ganze ist nämlich auch Science-Fiction: die Meeresküste ist wegen des Klimawandels längst perdu, man braucht Indoor-Amusement. Wenn die Touristen mal in das kaputte Land nach draußen gelassen werden, erwarten sie fingierte Guerilla - Überfälle, nette Nachmittagsabenteuer als Geiseln oder die Begegnung mit angeblich total gefährlichen Tieren. Das ist alles endenwollend, zumal die Science-Fiction-Komponente zu wenig ausgearbeitet ist um wirklich interessant zu werden. Aus dem zynischen Unterhaltungsprogramm für verblödete All-Iclusive-Möchtegernabenteurer hätte man mehr machen können.

Zwei gescheiterte Versuche

Es passiert nicht oft, aber manchmal eben doch. Dass Bücher nicht zuende gelesen werden. Das ist mir in den letzten Tagen gleich jetzt zweimal passiert. Karen Duves „Macht" (Galiani) wurde in der Mitte aufgegeben. Das Szenario: die Frauen haben die Macht übernommen, was aber eh egal ist, denn die Welt geht in ein paar Jahren sowieso im Klimakollaps zugrunde. Da können die Weiber auch nichts mehr Schlimmeres anrichten. Feministische Regierungen und negative Utopien scheinen zusammenzugehören. 2031 ist eine Verjüngungspille im Umlauf, die zwar Krebs fördert, aber das Alter stoppt. Wer also knackig herumläuft, ist in Wahrheit schon siebzig und hat wahrscheinlich Karzinome. Das ist alles recht ätzend, manchmal auch witzig. Aber man hält es trotzdem nicht durch. Und dass sich die unterdrückten Männchen für den Staatsfeminismus rächen wo es geht, ist auch klar. Der Protagonist Sebastian hat seine lästige, allzu erfolgreiche Ehefrau in ein Kellerverlies gesperrt und unterzieht sie dort einer Gehirnwäsche, wozu auch -aus seiner Perspektive - lustige Vergewaltigungen gehören. Sebastian will seine Macht zurück. Die kriegt er auch. Denn sein Opfer ist ja völlig abhängig von seiner Willkür. Manchmal muss man auflachen, zum Beispiel über den unsympathischen Bruder Sebastians, der einer schwachsinnigen Sekte anhängt. Ja, das Ende der Welt ist nah und nur wenige werden das Paradies erleben oder so ähnlich. Egal, der literarische Anspruch wird nicht erfüllt, die Geschichte ist platt und sie langweilt schlussendlich.

Der zweite gescheiterte Versuch war der Roman von  Robert Galbraith, alias J.K.Rowling. Auch ihr zweiter Krimi „Die Ernte des Bösen" (blanvalet)vermag einen nicht recht zu begeistern. Es geht wieder mal um die Guten und die Bösen wobei zu ersteren  Robin Ellacott gehört, die für den Privatermittler Cormoran Strikle (was für ein Name!) arbeitet. Robin bekommt eines unschönen Tages ein Paket mit einem Frauenbein darin. Daraus ließe sich ja was entwickeln aber Galbraith kommt irgendwie zu tantenhaft daher. Es ist bald klar, dass die liebe Robin, die sich einen unpassenden kalten Narziß als Verlobten ausgesucht hat, schlussendlich zu Strike überlaufen wird. Das will man alles nicht so genau verfolgen. Es ist merkwürdig und schade, dass der Autorin, die bei den Harry-Potter -Romanen so viel bezaubernde Phantasie bewiesen hat, der Charme abhanden kommt, wenn sie sich an einen Krimi macht.

 

 

Applaus für Eva

Eva verdient sich ihr Geld als Catcherin und passt außerdem auf das Gelände eines Schrotthändlers auf. Da in der Nachbarschaft ein paar Prostituierte übel zusammengeschlagen und eine Frau getötet wurde, wenden sich die Huren an Eva mit der Bitte, sie in Selbstverteidigung zu unterrichten. Eva ist davon nicht begeistert. Was soll sie den Hühnern auf ihren High-Heels schon beibringen? Die haben keine Kondition und sind gewöhnt, sich von Männern fast alles gefallen zu lassen. Die Damen können noch nicht einmal richtig stehen, geschweigen denn zuschlagen. Das ist ein witziger Plot mit einer noch witzigeren Hauptdarstellerin. Denn Eva, ziemlich weit unten in der Gesellschaft angekommen, hat bloß zwei bissige Köter als Freunde und ein schmutziges Mundwerk, das in früheren Zeiten gewiss nicht als jugendfrei durchgegangen wäre. Aber tempora mutantur. Das Schrottplatz-Drama Eva sieht rot von Liza Cody ( Ariadne Verlag) ist was für  Leute mit schwarzem Humor, ebenso die beiden anderen Eva-Romane Eva langt zu und Was sie nicht umbringt. Eine herzhafte Trilogie mit maximalem Unterhaltungswert. Nettes Geschenk für harte KerlInnen.

Ein Guter ist gegangen

Der schottische Autor William McIlvanney ist vor einigen Tagen 79jährig in seinem Haus in Glasgow gestorben.

 William McIlvanney wurde am 25. November 1936 in Kilmarnock, Schottland geboren. Er studierte in Glasgow und arbeitete 17 Jahre als Lehrer, bevor er sich 1975 entschloss, nur noch zu schreiben. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der CWA Silver Dagger Award für "Laidlaw". Mit seiner Trilogie um den grüblerischen Detective Inspector Jack Laidlaw  zeigte McIlvanney wie Lebenserfahrung, schwarzer Humor und Verständnis für die Schwächen der Menschen eindrückliche Synthese eingehen können.

Noch einmal zur Erinnerung an zwei seiner neueren Werke

In Fremde Treue (Kunstmann) ist Detective Jack Laidlaw in eigener Sache unterwegs. Vor einem Monat starb sein Bruder Scott bei einem Verkehrsunfall. Gut, der Mann war betrunken und hatte sich zuvor bei einer Party ziemlich berserkerhaft aufgeführt. Aber Jack glaubt nicht an einen Unfall und beginnt die Freunde von Scott zu befragen. Scotts Frau lässt ihn eiskalt abblitzen, die Freunde sind wenig hilfreich. Einen kleinen Gauner kann Jack unter Druck setzen und das führt ihn auf eine Spur.

McIlvanney, markantes Gesicht und Schnauzbart, schildert Glasgow und Umgebung mit einer herzhaften Tristesse. Es wird viel gesoffen und philosophiert, nicht immer logisch, aber dafür mit eindringlichen Bildern. Treue ist eine ambivalente Angelegenheit. Jack ist Scott gegenüber treu, indem er in Verbundenheit zu seinem Bruder dessen trivialen Tod nicht akzeptiert. Andere sind ihrer Ganovenehre treu, stehen zum kriminellen Schweigegebot, zu einem neuen Geliebten.

McIlvanneys scharfe Beobachtungen sind sowohl sarkastisch aus auch  mitfühlend. Zum Beispiel, als Jack bei der Aufnahme einer Live-Reportage die intellektuell minderbemittelten Objekte der Befragung beschreibt und Reflexionen über Authentizität und deren Zerstörung anstellt. Solche Passagen gibt es viele. Man folgt diesen kleinen, aber feinen Abschweifungen nur allzu gern.

Auf der Suche nach Tony Veitch (Kunstmann)

Irgendwie ungünstig, dass die Leute, von denen man was wissen will, so schnell sterben. Da ist der Trunkenbold Eck, der auf den Straßen Glasgows lebt und Inspector Jack Laidlaw sprechen will bevor er stirbt. Er versucht mit letzten Atemzügen, Laidlaw klar zu machen, dass ihm jemand vergifteten Wein zu trinken gegeben hat. Außerdem hatte Eck einen Zettel mit philosophischen Überlegungen, die garantiert nicht  von ihm stammen, bei sich. Parallel zu diesem Rätsel stirbt Paddy Collins, ein lokaler Unterweltboss, an Stichverletzungen. Das hat eine riskante Machtverschiebung  unter den Gangstern zur Folge. Der rote Faden durch dieses dunkle Glasgower Labyrinth: die gemeinsame Suche nach einem Tony Veitch. Dieser, so stellt sich relativ spät heraus, ist  ein rebellischer Sohn aus einer reichen Familie, ein Student, der noch nicht ganz in der Realität angekommen scheint.

McIlvanneys Tour durch die grindigsten Kneipen und Viertel von Glasgow- „eine Stadt so freundlich, dass sie jede Grausamkeit niederprügelt", ist ein ganz besonderes Erlebnis. Faszinierend abstruser Humor, merkwürdige Vergleiche und schräge Dialoge verdichten sich zu einem unverwechselbaren Ton, - McIlvanney wird nicht vergessen werden.

 

Spass für böse Menschen


Schon klar, Weltliteratur ist das nicht, was Paul Finch mit seinem Thriller Spurensucher (Piper) liefert.

Aber die ausgedehnten Blutbäder sind erstklassig.  Wenn auch Frequenz und Heftigkeit etwas übertrieben wird, - detailreiche Beschreibungen und entsprechend fiese Schurken machen das wieder wett. Der Gute in dem Spiel ist Detective Heckenburg, das Ganze spielt in England und es geht um einen widerwärtigen Club von Männern, die es genießen, Frauen zu vergewaltigen und dann umbringen zu lassen. Handlanger ist ein Trupp von Ex-Soldaten die hartgesotten und mit allen möglichen Waffen ausgerüstet sind. Einer gegen alle lautet das Motto zumal Heckenburg auch bei seinen Vorgesetzten schlecht angeschrieben ist. Zu oft hat er sich Anweisungen widersetzt und zu oft eine freche Lippe riskiert. Außerdem muss es im Polizeiapparat einen Maulwurf geben, denn die Söldnertruppe ist jedesmal rechtzeitig gewarnt wenn Gefahr droht.  Heckenburg hat also schlechte Karten, aber er ist härter als Rambo, prügelt und schießt sich durch das hinterhältige Gesocks dass es eine Freude ist. Unterhaltung für böse Menschen!


Kühler Fall

Gedankliche Flucht ins (nicht mehr lange) ewige Eis ermöglicht der Krimi von Lenz Koppelstätter. Ein ermordeter Einsiedler auf einem Südtiroler Gletscher und ein Ermittlerpaar das ungleicher nicht sein könnte, ist am Werk: Commissario Grauner, ein bodenständiger Nebenerwerbsbauer der die Berge liebt und der Neapolitaner Saltapepe, der Mafiajäger werden wollte und die kalten und abweisenden Berge einfach grauenhaft findet. Die Dörfler mauern wir üblich und haben auf einmal weite Teile ihres Erinnerungsvermögens verloren, der Bürgermeister, ein typischer Dorfkaiser und ausgemachter Widerling, wäre überhaupt froh, wenn die Polizei das Ganze gleich vergessen würde; was sollen die Touristen denken, wenn sie  durch Blaulicht und Polizei in  ihrem Winterurlaub gestört werden. Irgendwie hängt das alles mit der Mumie von Ötzi zusammen, denn der Einsiedler, den man aus der dörflichen Gemeinschaft hinausgetrieben hat wurde mit einem archäologisch sehr interessanten Pfeil getötet. Der Tote am Gletscher (Kiwi), ein achtbares Debut und zum Abkühlen geeignet.
 

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