Modern im Stausee

Malerische alte Häuser und romantische Alpenschluchten, mittendrin ein einzelgängerischer Detektiv in einer anscheinend nahezu heilen Welt - Andrea Fazioli schildert seine Heimat Tessin mit Liebe aber ohne Schönfärberei. In den Gebirgstälern wüten die Elektrizitätsgesellschaften, die Wildwasser werden gestaut; es geht um  Energie und Geld, die alten Bauernhöfe modern in den Stauseen. Auch das Heimathaus des Detektivs Elia Contini ist einst in den Fluten versunken und am selben Tag ist sein Vater, ein pensionierter Polizist, verschwunden. Nun will man den See erweitern, noch mehr Grundstücke werden der Elektrizitätsgewinnung zum Opfer fallen und die alten Geschichten und Gerüchte vom Kampf um die Häuser werden wieder virulent. Der Krimi Am Grund des Sees (btb)  von Andrea Fazioli lebt von der reizvollen Mischung aus südlicher Atmosphäre und Gebirge.

 

Ein böser Verdacht

  Sie hat geglaubt, sie führe eine glückliche Ehe. Dann standen plötzlich Polizisten vor ihrer Tür und teilten Eleanor mit, dass ihr Ehemann tödlich verunglückt sei. Und mit ihm saß eine ihr unbekannte Frau im Wagen. Diese Unbekannte wird für Eleanor zu einem Alptraum. Während die Polizei den Verkehrsunfall zu den Akten legt, konzentriert sich die Witwe darauf, herauszufinden, ob Greg, dem sie vollkommen vertraute, mit dieser Frau ein Verhältnis hatte. Eleanors obsessive Spurensuche führt sie zu der Cateringfirma, wo Milena gearbeitet hat. Deren Geschäftspartnerin ist durch den Tod von Milena in ein Bürochaos geschlittert und Eleanor bietet sich an, ein wenig auszuhelfen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, stellt sie sich mit dem Namen ihrer besten Freundin vor. Bald wird ihr klar, dass diese Milena eine wahre femme fatale gewesen ist und ihre sexuelle Anziehungskraft für beinharte Machtspiele eingesetzt hat. Was aber Eleanors Frage noch immer nicht beantwortet: was hat Greg mit dieser Frau verbunden? Nicci French kann die Verzweiflung, die Zweifel, die Eifersucht und die Hoffnungen ihrer paranoiden Protagonistin überzeugend schildern. Der Grat zwischen „noch normal" und krankhaft „besessen" ist sehr schmal, French ist eine Balancekünstlerin und so bleibt Seit er tot ist (C.Bertelsmann) spannend bis zuletzt.

 

Eisige Krimis

  Das Gelände einer aufgelassenen psychiatrischen Klinik in Schweden wird einer neuen Verwendung zugeführt. Der Journalist findet das sei ein guter Aufhänger, eine historische Serie über die Geschichte des Krankenhauses zu schreiben. Damit bringt er Unruhe in Kleinstadt. Denn ein Mord aus dem Jahre 1965 wurde nie aufgeklärt: damals hat man einen entflohenen Patienten und ein Mädchen aus guter Familie tot auf dem Eis des Sees aufgefunden. Zwar gab es Vermutungen, dass noch eine dritte Person am Tatort gewesen sein könnte, doch wurde nie eine relevante Spur gefunden. Eine Männerrunde fühlt sich durch diese unliebsamen Erinnerungen bedroht und es entfaltet sich eine komplizierte und tödliche Gruppendynamik. Die Spur auf dem Steg (dtv) von Lars Rambe ist nur einer der zahlreichen Krimis aus dem Norden Europas, die, gerade herausgekommen, in die winterliche Stimmung passen. Empfehlenswert sind James Thompsons Eisengel (rororo) und Yrsa Sigurdadottirs Die eisblaue Spur (Fischer). Der Vorteil: das sind alles Taschenbücher, die das Gewicht des Gepäcks für den Schiurlaub  nicht wesentlich vergrößern. Ganz anders steht es mit dem neuen Wälzer (699 Seiten!) von Jo Nesbo: Leopard (Ullstein). Den gibts ab 28.Jänner im Buchhandel und sicherlich gleich darauf in den Bestsellerlisten.

 

Großer Bahnhof

  Recht amüsant liest sich Danielle Thierys Die Schatten der Toten (Aufbau), denn die Hauptfigur, Kommissarin  Edwige Marion hat so gut wie nichts im Griff, schon gar nicht ihre Beziehungen. Sie hat sich in einen schönen, geheimnisvollen Mann verliebt, der sie plötzlich  sitzengelassen hat und ohne Erklärung verschwunden ist. Seitdem ist sie nicht mehr sie selbst. Als Verantwortliche für den Pariser Gare du Nord versiebt sie einen Einsatz, bei dem ein ausgelieferter Schwerverbrecher vom Zug abgeholt werden soll. Der Mann wird bei seiner Ankunft von einer Frau umgebracht. Einem Polizisten kommt seine Dienstwaffe abhanden, ein andere ist in einem Alkoholexzess versunken. Überhaupt tut sich am Bahnhof einiges. Vom Taschendiebstahl bis zu Drogenhandel und Schlepperei  reicht die bunte Palette und Marion hat zu allem Überfluss eine befremdliche Begegnung mit der Ehefrau ihres abhanden gekommenen Geliebten. Voll Eifersucht verfolgt sie seine Spuren, sie setzt sich in den Zug und fährt die Strecke, die er anscheinend täglich zurückgelegt hat. Sie entdeckt, dass eine Gruppe von jungen Kosmetikerinnen die Fahrt zur Arbeit dazu benützt, der Prostitution nachzugehen. Praktischerweise benützen sie dabei das Abteil des kollaborierenden Schaffners. Das ist zwar spannend, bringt aber Marion den Liebhaber nicht zurück. Marion ist keine allwissende Superfrau sondern höchst irdisch und fehlbar. Das macht sie sympathisch. Ein mächtiger Schuss Sentimentalität gehört natürlich auch zu einem französischen Krimi. Aber das ist aushaltbar, denn der  Humor wirkt neutralisierend.

 

Inel mit Geistern

  Es beginnt wie ein herkömmlicher Krimi: ein kleines Mädchen verschwindet. Das  ist an sich kein singuläres Ereignis, aber  dieser Fall ist doch höchst beunruhigend. Die Kleine kann nämlich gar nicht verschwunden sein, denn  sie befindet sich auf einer übersichtlichen Schäreninsel, mit klimometerweit zugefrorenem Meer und müsste eigentlich sofort aufzufinden sein. Aber Maja bleibt verschollen. Die Ehe von Anders und Cecilia zerbricht darüber. Jahre später kehrt Anders, schwer alkoholkrank, in das verlassene Haus zurück und  wird von merkwürdigen Empfindungen heimgesucht.Der Autor erzählt Familiengeschichten, die Generationen zurückreichen. Die Inselgesellschaft ist in sich gespalten. Das sind zunächst einmal die „echten" Eingeborenen, die das ganz Jahr über auf Gavasten wohnen und die „Sommergäste" mit ihren nicht winterfesten Häusern, die eigentlich immer Aussenseiter bleiben und von den überlieferten Insel-Geschichte nichts wissen dürfen. John Ajvide Lindqvist braucht dementsprechend auch 555 Seiten, um das schwedische Seemannsgarn zu spinnen, das in einer veritablen Geistergeschichte endet. Eindrückliche und epische Schilderungen einer grundsätzlich feindseligen Natur sind ein Plus; wers mit der Spökenkiekerei hat, darf sich mit  Menschenhafen (Lübbe) fein gruseln.

Auf nach Sizilien

Spätestens nach dem nach dem sechsfachen Mafiamord in Duisburg konnte man nicht mehr den Kopf in den Sand stecken: die Mafia hat längst in Deutschland Fuß gefasst und hat unter anderem jede Menge Immobilien in ihren Besitz gebracht. Was man als Problem Italiens oder der USA ansah, hat sich diskret über Europa ausgebreitet und ist zu den höheren Weihen der guten Gesellschaft aufgestiegen. Kommissar Crinelli ist mit einem gröberen Fall von Drogenhandel beschäftigt, als er zu einem Toten am Rheinufer gerufen wird. Der Mann ist von einem Profikiller ermordet worden und zu Crinellis Entsetzten stellt sich heraus dass er aus der derselben Familie stammt und ebenfalls Crinelli hieß. Nun verhält es sich so, dass sich Kommissar Crinelli als Kind italienischer Zuwanderer zeitlebens von seinen Wurzeln distanziert hat und sich als hundertprozentiger Deutscher fühlt. Mit der verzweigten Sippe aus Kalabrien wollte er nie zu tun haben. Dennoch beschließt er widerstrebend, zu Recherchen nach Sizilien zu reisen und gerät in das Netzwerk der `Ndrangheta. Es läuft alles wie in einem schlechten Film ab. Der greise Don, ein Onkel, hockt schwerst bewacht in einer Festung in den Bergen, die Leibwächter sind fleischgewordene Klischees und Crinelli muss der Tatsache ins Auge sehen, dass man sich von seiner Vergangenheit nie gänzlich abnabeln kann. Walter Köhlers feiner, spannender Krimi Crinellis dunkle Erinnerung (KiWi) hat ausser einer schlüssigen Story noch den Vorzug, dass man eine beträchtliche Zahl saftiger italienischer Flüche lernen kann.

 

 

Der stumme Mörder

„Ich habe sie getötet" sagt Kevin Brace, Torontos bekannter Radiomoderator, als ihm sein indischer Zeitungsausträger wie jeden Tag die Zeitung überreichen will. Kevins Ehefrau liegt erstochen in der Badewanne. Alles scheint klar zu sein. Der Ehemann leugnet die Tat nicht, er ist geradezu erpicht darauf, im Gefängnis zu bleiben. Doch er frustriert seine Anwältin, den Staatsanwalt und den Richter gleichermaßen, denn Brace weigert sich, zu sprechen. Er kommuniziert nur mehr schriftlich; auch ein Spitzel, der ins Gefängnis eingeschleust wird, weiß nichts zu berichten. Brace ist zu wie eine Auster. Robert Rotenbergs Krimi Angeklagt (rororo) bietet den Eitelkeiten und Marotten der beteiligten Juristen breiten Raum. An diesem merkwürdigen Fall entscheiden sich Karrieren, es wird gekämpft wie in einem sportlichen Match, bei dem es allerdings auch Fouls gibt. Die verdrehte Psychostruktur der Toten bleibt weitgehend unerklärt, dafür  ist das Spiel mit Erinnerungen, dem Sichtbaren, dem Offensichtlichen und dem, was man zu sehen glaubt, recht reizvoll. Toronto als geografische Folie für Krimis ist nicht gerade  überlaufen, vielleicht wird sich das noch ändern. Rotenberg war Journalist, hat später eine Anwaltskanzlei gegründet und scheint beide Passionen ganz gut vereinen zu können.
 

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