Zur Zeit scheinen sich Krimis zu häufen, die Kindesentführungen zum Thema haben. Eigentlich nicht so verwunderlich wenn man die Statistik betrachtet, gelten doch allein in Deutschland 1700 Kinder und Jugendliche als vermisst. Die Amerikanerin ANDREA KANE erzählt in EWIG BIST DU MEIN (Mira) von einem Zwillingspärchen, das grausam auseinander gerissen wird. Eine der beiden sechsjährigen Schwestern wird nachts aus ihrem Bett verschleppt und taucht nie mehr auf. Viele Jahre später erleidet das Kind der Davongekommenen dasselbe Schicksal. Ein Racheakt der Mafia wäre denkbar, aber irgendwie verlaufen alle diesbezüglichen Spuren im Sand. Kane kreiert eine private Firma aus Spezialisten, die sich ein wenig unkonventioneller Ermittlungsmetoden bedienen, aber soweit als möglich mit den Behörden zusammenarbeiten. Der Krimi weicht vom üblichen Klischee des pädophilen Entführers ab und birgt so eine Überraschung. Nicht die allererste Liga aber tauglich für einen verregneten Abend.
Zwei Paare, drei Kinder und jeder spricht mit einer eigenen Stimme, erzählt eine grausame Geschichte. Die kleine Calli hat seit ihrem vierten Jahr das Sprechen eingestellt. Als sie miterlebt hat wie ihre schwangere Mutter die Treppe hinabgefallen ist und eine Fehlgeburt erlitt kommuniziert sie ohne Worte. Am liebsten mit ihrer Freundin Petra die sie auch so versteht. Als Callis alkoholisierter, notorisch gewalttätiger Vater das stumme Kind schnappt und in sinnloser Wut in den Wald verschleppt, will Petra hinterher. Die beiden vermissten Kinder lösen eine hektische Suchaktion aus. Callie kommt allein aus dem Wald zurück, verletzt, traumatisiert und kann plötzlich ein einziges Wort stammeln. Es ist der Name ihres Bruders, der sie im Wald gesucht und gefunden hat. Aber wo ist das andere Mädchen? Callis Vater genießt wenig Sympathie, die Befürchtungen, dass Callies betrunkener Vater der Kleinen etwas angetan hat sind nicht aus der Luft gegriffen. Ihre Freundin Petra liegt schwerverletzt im Wald. Was hat der Bruder getan? HEATHER GUDENKAUF hat eine interessante Form der Erzählung gewählt. Das Geschehen wird so von allen Seiten beleuchtet. Sie legt ein flottes Tempo vor, baut aber immer wieder Erinnerungen der Protagonisten an ihre Kindheit ein, sodass die Figuren komplexer werden. DAS FLÜSTERN DER STILLE (MIRA Taschenbuch) ist eine feiner, klug ausgedachter Krimi, der auch noch einen überraschenden Schluss hinbekommt.
Ein weißes Licht, das auf der Landstraße herumgeistert und Verkehrsunfälle verursacht: ein klarer Fall für die anglikanische Pfarrerin Merrily Watkins in ihrer Funktion als „Beraterin für spirituelle Grenzfragen", sprich: Exorzistin. Der örtliche Geistliche ruft sie zu Hilfe, doch bald bekommen alle kalte Füße und wollen nichts gesehen haben. In den Hügeln der Malverns spürt man den Atem der Geschichte. Von den Kelten, und den Römern bis zu dem Komponisten Edward Elgar, der als touristisches Zugpferd dient, finden sich Spuren vergangener Zeiten, kein Wunder also wenn da etwas in den Hügeln west, das nicht ganz von dieser Welt ist. Während Merrily auf spiritueller Mission ist, zettelt ihre Tochter Jane ein Aufstand gegen die örtliche Baubehörde an. Die will nämlich genau da, wo nach Janes Meinung ein prähistorischer Pfad verläuft eine Siedlung mit Luxusappartements bauen. Wie meistens bei solchen Vorhaben geht das nicht ohne ein bisschen Korruption ab trotzdem hat Jane anscheinend wenig Chancen gegen den Politfilz.
Phil Rickmans immer wieder liebenswürdige Mystery-Krimis beschwören eine Atmosphäre von Merry Old England herauf. Das ist nett nostalgisch, aber dem Untergang geweiht. Rickman beschreibt, wie die alten Cottages von Neureichen aus der Stadt renoviert und umgebaut werden, wie die SUVs die engen Straßen verstopfen, und die verbliebenen Einheimischen sich aus dem entfremdeten Dorfkern verabschieden. Die Zugezogenen machen auf Gutsbesitzer, integrieren sich aber nicht, weil ihnen die Probleme der Bauern, denen unverständliche Vorschriften der EU den Alltag verleiden, egal sind. Ehrwürdige Pubs werden zu Krachbuden und Drogenumschlagplätzen umgestylt , ohne dass die Ortsansässigen etwas dagegen unternehmen können. Da ist ein irrlichternder Geist ein vergleichsweise kleines Problem( Ein dunkler Gesang, rororo). Charmant!
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Jetzt aber: Wer noch immer kein Geschenk hat und sich noch nicht vom dem Irrsinn des allgemeinen Konsumterrors verabschieden konnte, wanke in die nächste Buchhandlung. Hier eine Liste der allerbesten Krimis des fast schon vergangenen Jahres. Der Vorteil: Beschenkte langweilen sich sicherlich nicht damit und lernen auch noch was dabei. Zum Beispiel über Drogenhandel, Waffenhandel, Bankster, Korruption, und, und...
Don Winslow: Zeit des Zorns, Dominique Manotti: Einschlägig bekannt, Kate Atkinson: Das vergessene Kind, Daniel Woodrell: Winters Knochen, James Sallis: Der Killer stirbt, Reginald Hill: Der Tod und der Dicke, Walter Mosley: Manhattan Karma (und vom selben Autor: Falsche Zeit, falscher Ort), Elmore Leonard: Road Dogs, Ken Bruen: London Boulevard, Matthias Wittekind: Schneeschwestern, Rainer Gross: Kettenacker, Ulrich Ritzel: Schlangenkopf
Meinereins wird sich an die Lektüre von satten 859 Seiten machen und zwar: Das Mysterium der Zeit von Monaldi & Sorti (Aufbau Verlag). Mal schaun, wie sichs mit der Zeit ausgeht...
Im gepflegten Ambiente des Oxforder College treiben sich allerhand böse Frauen herum. Welche nur vermeintlich böse sind kommt erst ganz zum Schluss heraus. Das gehört sich so für einen Krimi. Allerdings muss die Leserin vermuten, dass der plötzliche Tod des Bräutigams just am Tag seiner Hochzeit zwei Schurken aus seiner Firma zuzuschreiben ist. Die sitzen auch hinter Gittern, weil die Beweise ganz und gar wasserfest erscheinen. Inzwischen vergnügt sich die Witwe mit einer - oh Schreck -Frau. Magdalena ist nämlich gerade draufgekommen, dass Männer nicht so ihr Ding sind. Also ist sie eigentlich auch verdächtig. Nicht weniger ihre Liebhaberin Jay, eine ehrgeizige, sehr reiche Geschäftsfrau die sich mit harten Bandagen aus dem Slum emporgearbeitet und mit ihrer tränendrüsendrückenden Autobiografie Furore gemacht hat. Charlie Flint, Absolventin des Colleges und zeitweise suspendierte Profilerin wird von der Mutter der Ex-Braut angeheuert um die neue Liebe ihrer Tochter irgendwelcher Untaten zu überführen und Magdalena wieder auf den ehrbaren heterosexuellen Weg zu führen. Das klappt natürlich nicht. Einerseits, weil die Autorin Val McDermid selbst eine bekennende Lesbe ist und zweitens weil der spießige und bigotte Vater Magdalenas wirklich eine Lektion verdient hat. Charlie gerät auf allerlei amouröse Abwege, riskiert ihre Liebe zu Maria, landet in einer Ruine und steht einer Psychopatin gegenüber. Alle Rache will Ewigkeit (Knaur) ist nicht der allerbeste Krimi von Val McDermid, aber originell in seiner Schilderung des Campuslebens und zeigt wieder einmal, dass die Beziehungswelten einer Minderheit sich nicht von denen der Mehrheit unterscheiden- falls das überhaupt jemand geglaubt haben sollte.
