Dorftratsch

Wer einen Urlaub im Ausseerland plant könnte schon mal den Krimi von HERBERT DUTZLER  besorgen. LETZTE BOOTSFAHRT (Haymon) ist ein sogenannter Heimatkrimi, deshalb heißt der Dorfpolizist auch Gasperlmeier. Aber sonst wird mit dem Lokalkolorit glücklicherweise nicht übertreiben. 

 Tote mit heruntergelassener Hose, jede Menge heimlichtuerischer Dorftratsch und Leichenschmäuse  machen die Landidylle allmählich ungemütlich. Der Krimi an sich bleibt trotzdem gemütlich. Ausgepichte Forensik kommt ebenso wenig zum Einsatz wie übertriebenes Geballere und  künstlich- brutaler Showdown. Dennoch unterhaltsam und brauchbar als Mittel gegen Mieselsüchtigkeit bei Schnürlregen.

Der Leitwolf muss gehen

Der kleine Gauner träumt vom Reichtum und will schnell nach oben. Im Gefängnis gelingt es ihm, einem Paten einen Gefallen zu tun indem er dessen ebenfalls einsitzenden Verwanden beschützt. Der Mafiaboss ist zwar inhaftiert, genießt aber unfassbare Privilegien und hat seine Zelle in eine Art Suite verwandelt. Wieder draußen, schleppt der „Libanese" gezielt eine reiche Tochter aus der Oberschicht ab. Die geriert sich als Salonmarxistin was bei den Kindern reicher Eltern gerade in ist und schmückt sich mit dem Proletarier wie heutzutage die Partygirls mit den Schoßhündchen. Das geht natürlich nicht lange gut, zumal der Libanese mit allen Mitteln seinen Aufstieg durchsetzen will. Es geht zu wie in einem Wolfsrudel, in dem die jüngeren Männchen die alten Leitwölfe  entthronen, nur dass hier nicht gebissen, sondern geschossen wird. GIANCARLO DE CATALDO hat als Richter genügend Einblicke in die Geschichte des Verbrechens in Italiens Hauptstadt;  nach dem Mafiathriller Romanzo Criminale nun also DER KÖNIG VON ROM (Folio Verlag). Ähnlich von Thema her aber in epischer Breite  präsentiert sich PAOLO ROVERSIS Roman MILANO CRIMINALE (Ullstein), der die historische Entwicklung von hungerleidenden Straßenräubern bis zu perfekten Banküberfällen und politischen Attentaten aufarbeitet. 

Tief unter der Erde

Thriller, Science Fiction- egal wie man HUGH HOWEYS  Epos SILO (Piper)  nennt, es ist ein ganz grandioses postapokalyptisches Szenario, das einen sinistren Charme entwickelt.  Nach einer verheerenden Katastrophe, die durch die Menschen ausgelöst wurde, sind Luft und Boden vergiftet. Offenbar ist es etlichen einigen Überlebenden gelungen sich in einen unterirdischen Silo zu flüchten. Der ist autark, reicht viele Dutzende Stockwerke in die Erdkruste und  versorgt die Insassen mit Licht, Essen und Energie. Wer sich den Regeln der Gemeinschaft widersetzt, wird zum Tode verurteilt, dergestalt, dass man ihn in einen Isolieranzug steckt und in das wüste Land draußen schickt, wo der Betreffende binnen Minuten an der toxischen Umwelt stirbt. Im obersten Stockwerk kann man  das Hinschieden beobachten und dieser Vorgang heißt doppeldeutig „Reinigung", weil von den Verurteilen erwartet wird, dass sie in ihren letzten Minuten der Gemeinschaft noch einen Dienst erweisen und die ständig verdreckten Fenster zur grauen und schmutzigen Außenwelt putzen bevor sie umfallen. Allerdings: was die Verurteilten draußen wirklich zu sehen bekommen unterscheidet sich fundamental  von dem was die Silobewohner wahrnehmen können. Wird denen einfach eine kaputte Erdoberfläche vorgegaukelt oder sehen die Todeskandidaten ein Trugbild, das ihnen im Sichtfenster ihres Helmes vorgegaukelt wird? Die Bösen sind im diesen Fall die IT-Zombies, die mit ihren Computern am Hebel der Macht sitzen. Aber die Macht ist irgendwann nicht mehr mit ihnen. Sehr spannend, sehr suggestiv, ein recht zynisches Lehrstück über den wieder einmal gescheiterten Versuch, eine egalitäre Gesellschaft zu  erzeugen.

Hugh Howey verdiente sein Geld in wechselnden Berufen, bevor er mit diesem  als e-book selbst verlegten Thriller internationalen Erfolg hatte. Unbedingt lesen!

 

 

 

 

 

Häuserkämpfe

Sehr aktuell ist Michael Connelly mit Der fünfte Zeuge (Knaur) wo es um die US-Immobilienkrise geht. Der Strafverteidiger Michey Haller vertritt Klienten, deren Häuser gepfändet werden, weil die Leute ihre Hypotheken nicht mehr abbezahlen können. Das ist ein ungleicher Kampf, denn am Ende gewinnt die Bank immer. Und als einer der Manager der Bank erschlagen aufgefunden wird ist allen klar: das war die Aktivistin Lisa, die aus ihrem Heim vertrieben werden soll und für die Mickey ein wenig Aufschub erreicht hatte. Lisa behauptet hartnäckig, total unschuldig zu sein. Es gibt zwar ein paar Ungereimtheiten aber die Indizien scheinen erdrückend und es beginnt das übliche Katz- und Maus -Spiel vor Gericht. Nun ist das Muster dieses Krimis weit davon entfernt, besonders innovativ zu sein, aber Connelly ist ein guter Erzähler und deshalb sind selbst die Rhetorikduelle bei der Gerichtsverhandlung immer noch spannend.

In den Sümpfen von Florida

 Hillary Van Wetter, ein Psychopath, der aus Rache einen Sheriff ermordet haben soll, sitzt in der Todeszelle. Die Leute von Moat County sind sowieso überzeugt, dass der gewalttätige Irre ein Mörder ist, daher stört es auch keinen, dass die Beweisführung seinerzeit äußerst fragwürdig war. Zwei Söhne eines Zeitungsherausgebers in Nordflorida suchen sich ausgerechnet diesen Fall aus um zusammen mit einem ehrgeizigen Freund eine große Reportage zu schreiben. Da  man dabei heftig auf den Pulitzerpreis schielt, ist man um der zündenden Story willen schon geneigt, ein paar grundlegende Tatsachen ein etwas zurechtzubiegen. Schließlich kämpfen die Provinzblätter alle ums Überleben und können ein wenig Renommee gebrauchen. Die Vierte im Bunde ist eine unterbelichtete Dame, die sich gerne in Psychopathen verliebt und diese im Gefängnis  zu besuchen pflegt.  Sie ist von der Unschuld des Todeskandidaten überzeugt und will ihn unbedingt retten. Das gelingt ja auch und das Ende ist trotzdem gar nicht gut.

Pete Dexters schwarzer Roman  Paperboys (liebeskind) ist neu aufgelegt worden und er ist  ein ganz besondere Mischung aus Spannung, Verrat und Sarkasmus. Die Reporter gewinnen glatt einen Pulitzerpreis, doch jeglicher Anstand ist flöten gegangen- und das schon in der gute alten Zeit von 1965. Während eine Schlampe sich den einundsiebzigjährigen Vater krallt, um sich zur Chefredakteurin befördern zu lassen, machen sich die Söhne davon. Hillary kommt frei, doch der Preis ist hoch. Das alles entwickelt eine eigene Dynamik, der sich keiner entziehen kann. In den Sümpfen mit den Wassermokassinschlangen  hausen inzestuöse Wesen, die nur entfernt an den Homo sapiens erinnern; diese Schilderungen sind so plastisch, dass man das Schmatzen der modernden Biomasse zu hören glaubt: Gruselig, konsequent und erbarmungslos. (Ab 25.6.2013 als Film auf DVD und Blu-ray erhältlich).

 

Der Kopf am Fenster

Ray ist klar, dass sein Bruder Thomas nach dem Tod des Vaters nicht allein im elterlichen Haus bleiben kann. Denn Thomas ist  schizophren und außerstande, den Alltag zu bewältigen. Dafür hat er eine besondere Gabe. Er surft durch die virtuellen Abbilder der großen Städte und merkt sich jedes Detail, jede Straße, jedes Geschäft. Sein Zimmer verlässt er äußerst ungern und stellt Rays Geduld auf ein harte Probe. Ray glaubt Thomas auch nicht, als der ihm von einem seltsamen Anblick berichtet, der ihm bei einem Streifzug durch Manhattan aufgefallen ist. Im einem Fenster entdeckte Thomas einen merkwürdig glatten Kopf der aussah, als wäre ihm gerade eine Plastiktüte übergezogen worden. LINWOOD BARCLAYS zeitgemäße Version von Hitchcocks „Fenster zum Hof" heißt FENSTER ZUM TOD(Knaur) und kommt recht langsam in Fahrt. Der Leser ahnt schon, worauf das alles hinauslaufen wird. Oder er glaubt es zumindest. Denn Barclay bringt da noch eine verwickelte  Parallelgeschichte zur Erklärung des Mordes ins Spiel.

Da es sich um eine Vertuschungsaffäre aus Politikerkreisen handelt, sind natürlich auch die finsteren Dienste im Einsatz. Dass Thomas davon überzeugt ist, seine Städterecherchen im Auftrag der CIA zu machen, verkompliziert das Desaster.

Als Idee ist das ganz nett, aber für 600 Seiten verlangt es einem doch etwas viel Geduld ab.

 

Gefährliche Gemütlichkeit

Im Getöse der Bestsellerlisten gerät so mancher Text unverdient  aus dem Focus. Daher sind Krimis wie der von URS SCHAUB eine erfreuliche Entdeckung, die man gern mit anderen LeserInnen teilen möchte. DER SALAMANDER (Limmat Verlag) erzählt von der Heimkehr des Ermittlers Simon Tanner, der nach einer Auszeit in sein Dorf in der Schweiz zurückehrt. Noch auf dem Bahnhof trifft er einen etwas seltsamen jungen Mann, der für die Kälte zu dünn angezogen ist; er behauptet Uhrmacher zu sein und wegen eines Drogendeliktes in einem spanischen Gefängnis gesessen zu haben. Tanner traut dem Unbekannten dennoch und lässt ihn sogar in seinem Haus schlafen. Doch der junge Man verschwindet, was er zurückgelassen hat, führt Tanner auf eine schwer entschlüsselbare Spur. Tanners Freund   Michel ist indessen hinter einem anderen Fall her. Um eine eifrige junge Kollegin zu triezen, setzt er sie auf einen seit 30 Jahren ungeklärten Mord an. Ein freundlicher Wirt, ein Pfarrer mit einer unklaren  Vergangenheit in Afrika, eine merkwürdige Sekte und viel gutes Essen,- das alles kommt  mit einer gefährlichen Gemütlichkeit daher. Da ist nichts aufgesetzt, alles rund und in sich selbst ruhend. Die ausgeprägten Charaktere sind glaubhaft, sympathisch und Land-Klischees sind auch weit und breit nicht in Sicht. Ein feiner Schweizer Krimi!

 

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