Cannabis in Canada

Nie war ein Titel treffender als dieser: Shoot Out von  Dietrich Kalteis hält was er verspricht. Im kanadischen Whistler, ja genau dort wo 2010 die Olympischen Spiele stattgefunden haben, geht es diesmal nicht um Sport, sondern um Drogen. Wobei - so weit auseinander soll das angeblich nicht immer liegen.

Der örtliche Cannabis-Anbauer Stevens lebt in friedlicher Koexistenz mit der lokalen Polizei. Der ist lieber, sie hat einen freundlichen Althippie unter Kontrolle als sich mit nachdrängenden Gangsterbossen auseinanderzusetzen. Doch genau das passiert und eine Menge Munition wird verschwendet. Das Lamento der Alten über die verzogenen Jungen ist diesmal nicht unberechtigt. Nick, der Sohn vom Oberdrogenboss ist ein Dummbatz und Angeber und braucht einen Aufpasser. Der kann aber nicht verhindern, dass Nick aus Versehen einen jungen Dealer umlegt. Die Leiche muss verschwinden und  es ist nicht die einzige. Stevens hat vor, das verminte Feld zu räumen und sich an einem sonnigen Ort in Pension zu begeben, aber vorher noch rettet er ein Mädchen aus den Klauen des grauenvollen Nick. Schlecht für die Pensionspläne...

Pssst!

Das kann leicht passieren: man befindet sich in einem Zoo, einem Museum, einem Park und übersieht die Zeit. Plötzlich sind es nur noch ein paar Minuten bis zur Schließung; man muss sich beeilen. Das ist nicht so einfach, wenn man einen Vierjährigen bei sich hat, der gern noch weiterspielen möchte . Joan hastet mit dem Kind zum Ausgang des Zoos undhört Schüsse. Sie kehrt um und versteckt sich. Offenbar sind zwei Jugendliche mit Waffen unterwegs und erschießen wahllos Menschen und Tiere. Der etwas verlotterte Zoo bietet zum Glück genug  Versteckmöglichkeiten. Aber wie schafft man es, einen quengeligen Vierjährigen still zu halten?  Nachtwild (dtv), ein spannender Thriller mit ungewöhnlichem Plot von Gin Phillips, wirft auch moralische Fragen auf. Ist sich selbst jeder der Nächste wenn es ums eigene Leben geht?

 

Für böse Gärtner

Abgesehen davon, dass schon H.C. Artmann über den bösen Gärtner geschrieben hat, ist der Gärtner auch immer der Mörder. Endlich gibt es dazu eine praktische Handlungsanleitung zu den bevorstehenden Gartenarbeiten im Frühjahr. Amy Stewart hat mit Gemeine Gewächse ((Piper) ein ganz reizendes, etwas ungeordnet wirkendes Kompendium  gefährlicher Pflanzen zusammengestellt. Dass Eisenhut und Seidelbast giftig sind, weiß (hoffentlich) jedes Kind, aber Stewart kann mit dem einen oder anderen bizarren Schmankerl punkten. Dass exotische Bäume, Sträucher und Gräser ganz schön übel sein können braucht uns in diesen Breitengraden nicht übermäßig zu beunruhigen. Doch sind heimische Gewächse, wie man sie in jedem Garten findet auch nicht ohne. Am Oleander ist alles hochgiftig, an einem Kompott mit Rhabarberblättern kann man sterben, rohe Holunderbeeren enthalten Zyanid und am Philodendron sollte man nicht knabbern. Dabei hat Stewart noch nicht einmal die Tollkirsche erwähnt, aber die scheint ohnehin so gut wie ausgestorben.

Verschwunden und doch da

Es fängt mit einem Kriminalfall an, und endet, ja wie? Das muss sich der Leser selbst beantworten. Ein dreizehnjähriges Mädchen verschwindet bei einer Wanderung durchs ein Moor in England. Rebecca ist nur widerwillig mit ihren Eltern mitgegangen, wie Teenager halt so sind blieb sie trödelnd zurück und verschwand plötzlich. Das ganze Dorf, in dem die Familie ihre Ferien verbracht hat, ist in Aufruhr. Man sucht überall, in den Mooren und Speicherseen, und findet nichts.  Auf welche Weise das verschwundene Mädchen indirekt das Leben im Dorf beeinflusst, davon handelt Jon McGregors Roman Speicher 13 (liebeskind). Er erzählt von den Jahren danach, wie das ungelöste Rätsel die vielleicht nur minimalen Veränderungen im Leben der Dorfbewohner mitbestimmt. Auch wenn das Ereignis immer weiter zurückliegt, breitet es sich wie ein Miasma über das Dorf. McGregor beschreibt das Vergehen der Zeit anhand der Rhythmen in der Natur. Er schildert, wie Jahr um Jahr die Fasane balzen, die Wintergoldhähnchen ihre Nester bauen, wie die Füchse ihre Würfe aufziehen, die Jahreszeiten wechseln und die Dorfbewohner ihren Alltag leben. Sein mikroskopisch genauer Blick und seine gelassene, poetische Sprache faszinieren umso mehr als sie von dem was erwartet wird in eine gänzlich andere Sphäre wegführen.

 

Für Eilige

Für Eilige

Normaler weise ist Arne Dahl eine sichere Karte. Der Schwede führt allerlei Bestsellerlisten verdient an. Doch der neue Band Sechs mal Zwei (Piper)ist nur etwas für geduldige Leser. Man muss sich auf ein Verwirrspiel einlassen bei dem man lange nicht auseinanderhalten kann ob es sich um Realität, Traum oder Halluzinationen handelt. Es geht in diesem zweiten Band um das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom, das sich diesmal hauptsächlich in eisig-winterlicher Umgebung durchkämpft. Guter Tipp: zuerst den ersten Band der Serie lesen: Sieben minus Eins. Dann wird der zweite Band schneller verständlich. Also entweder Sieben minus Eins verschenken -  oder am besten gleich beide Bände gemeinsam.

Auch abseits vom ausgetretenen Pfad der Bestseller gibt es sehr lohnenswerte Funde. Zum Beispiel Maurizio de Giovannis Frost in Neapel (Kindler). Der Autor arbeitet nach dem Latein-Studium in einer Bank, da der Vater ein Rechtsanwalt, früh starb und Giovanni als ältester Sohn die Familie unterstützen musste. Er schreibt sehr schnell, braucht nur einen Monat für ein Buch. Allerdings gehen dem sechs Monate Recherche voraus. Im winterlichen Neapel erregt ein ungewöhnlicher Doppelmord die Gemüter. Motiv und Tathergang scheinen unerklärlich. Inspector Lojacono und seine Truppe brauchen unbedingt ein Erfolgserlebnis, aber das erweist sich als überaus kompliziert.

Hannes Steins amüsanter Krimi, entspricht nicht ganz den Genre und das ist gut so. in Nach uns die Pinguine( Galiani) finden wir uns auf den Falklandinseln ein. In liebeswürdig verschnörkelter Form wird man dort in eine Idylle eingeführt: Man lebt friedlich vor sich hin, der Gouverneur und weitere maßgebliche, skurrile Würdenträger werden vorgestellt. Erst später kommt man drauf, dass auf diesem entlegenen Ort die letzten Überlebenden des dritten Weltkriegs  hausen. Angesichts des aktuellen nuklearen Säbelrasselns ist das ja gar nicht so überraschend, dass daran ein

ein cholerischer US-Präsident mit komischer Frisur seinen Anteil hatte. Not amused sind die sehr britischen Inselbewohner, als ihr Gouverneur erschlagen wird. Polizei gibt es ja keine und so muss sich die Zivilgesellschaft selbst auf die Suche machen. Sehr schräg und auf intelligente Weise lustig. Definitiv eine gelungene Synthese zwischen Moritat a la Poe und Dystopie.

 

Erinnerung gelöscht

Wer einer zu dieser Jahreszeit an einer Überdosis Kitsch, Hektik und Glitzer leidet findet bei Max Bronskis Oskar (Droemer) ein Gegenmittel. Jedenfalls  am Anfang: da findet sich ein gewisser Oskar  in einem billigen Sarg eingeschlossen und auf dem Transport zum Krematorium. Oskar, lediglich mit Boxershorts bekleidet, entkommt dem Sarg und dem Kombi und landet im Englischen Garten von München. Er hat das Gedächtnis verloren und keine Ahnung wer er ist, woher er kommt und warum er bei einem Gelegenheitsjob in einem einem Kiosk von einem Mafioso bedroht wird. Dieser muss auf bizarre Weise dran glauben; sein Slapstick-Abgang bringt weitere Verwicklungen. Dann kippt das Geschehen in eine historisch konkrete Zeit. Irgendwie ist Oskar mit den Geschehnissen in Südtirol verbunden als die Bombenleger- je nach Perspektive Heimatschützer oder Terroristen- gegen die Oberhoheit des italienischen Staates kämpften. Das sind nun  zwei Ebenen, die irgendwie nicht zueinander passen. Die Geschichte eines Kindes, das zwischen den Fronten aufwächst und seine Eltern in diesem Konflikt verliert, ist ein durchaus realistischer Entwicklungsroman. Der dünne Faden, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet ist der Sprengstoff. Den soll Oskar jetzt nicht wie seine Vorfahren zum Sprengen von Masten verwenden, sondern quasi zu seinem guten Zweck, nämlich einen umweltschädlichen Wasserspeicher in die Luft zu jagen. Das ist alles sehr bemüht und letztlich nicht überzeugend.

Da ist der im Vorjahr veröffentlichte Roman von Max Bronski viel konziser: Mad Dog Boogie (Kunstmann) handelt von einem Trio, das in einem Nobelheim für psychiatrische Fälle wohnt. Hier geht es  raffinierter um Gedächtnis und Erinnerung, um Möglichkeiten, Gehirne mit falschen Erinnerungen zu füttern und was von uns übrigbleibt, wenn wir uns auf unser Gehirn nicht mehr verlassen können.

 

 

Was er gesehen hat

Die studierte Biologin Meagan Miranda versucht in ihrem ersten Thriller Tick Tack (Penguin Verlag) ein Konstruktions-Experiment indem sie ihre Geschichte chronologisch verkehrt herum erzählt. Das sorgt zunächst für etliche Irritation, trotzdem bleibt  ziemlich nachverfolgbar, was geschieht. Es ist keine unübliche Ausgangssituation: eine junge Frau kehrt nach Jahren in das heimatliche Kaff zurück wo jeder jeden kennt. Ihre Jugendgang lebt noch im Ort und alle verbindet ein gemeinsames Geheimnis. Nic will versuchen, ihr Elternhaus zu verkaufen, nachdem ihr Vater, der in einem Pflegeheim bleiben wird,  zusehends den Kontakt zur Realität verliert und ihr eine scheinbar zusammenhanglose Botschaft zukommen hat lassen: „Dieses Mädchen, ich habe es gesehen". Nic ist klar, dass ihr Vater ihre Freundin Corinne meint, die damals spurlos verschwunden ist. Ganz schön finster, diese Rückwärts-Erzählung mit plastischen Horrorelementen.

 

AutorInnen

instant Design Wien
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